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Am 14. Mai schließt der Lesesaal aufgrund einer Veranstaltung um 17 Uhr. (Musik-)Handschriften und Nachlässe können deswegen nur bis 17 Uhr benützt werden. Für die restlichen Bestände werden Ersatzleseplätze zur Verfügung gestellt.

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Objekt des Monats März 2015: Elise Richter zum 150. Geburtstag

Elise Richter: Mitgliedsausweis für das "Vaterländische-Frontwerk Neues Leben", undatiert. WBR, HS, H.I.N. 231816

Karl Bernhard Lehmann (1858–1940), ein Pionier der Mikrobiologie und Professor für Hygiene an der Universität Würzburg, schaltete sich 1898 in die Debatte rund um die weibliche Bildung und Zulassung von Frauen an den Universitäten ein, wobei er vehement Partei für das "schwache" Geschlecht ergriff. In seiner Abhandlung "Das Frauenstudium", die zunächst in der "Beilage der Allgemeinen Zeitung" veröffentlicht wurde und ein Jahr später auch im Verlag des Wiener "Vereins für erweiterte Frauenbildung" erschien, wagte er wenig optimistisch die folgende Prognose: "Einen großen Zudrang zum Berufsstudium, wenn es einmal eröffnet sein wird, erwarte ich nicht; der lange und mühsame Vorunterricht, das anstrengende und theure Studium, der Verzicht auf einen großen Theil der Freuden, die heute das sorglose Leben der jungen Mädchen der wohlhabenden Classe ausfüllen, wird dafür sorgen, dass das von vielen gefürchtete Studium aus Abenteuerlust oder aus Mode außerordentlich selten sein wird". Fazit: "Einige Procent der Männer, kaum mehr, wird die Zahl der Berufsstudentinnen betragen".

Das Szenario sollte, zumindest in der unmittelbaren Zukunft, eintreffen: Im Wintersemester 1897/98 wurden erstmals ordentliche Hörerinnen an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien zugelassen, und es waren genau drei Frauen, die von diesem Recht Gebrauch machten und inskribierten. Eine von ihnen war die 1865 in Wien geborene Elise Richter, Tochter eines jüdischen Arztes, die nach einem Jahr Selbststudium ihre Matura als Privatistin am Akademischen Gymasium abgelegt hatte. Zuvor hatte sie gemeinsam mit ihrer Schwester Helene neun Jahre Privatunterricht bei einer Erzieherin genossen – eine Ausbildung, die sie auf die strenge Prüfung bestens vorbereitete: "Deutsche Sprache und Literatur, Geographie, Geschichte habe ich bei ihr zwischen sieben und sechzehn Jahren so gelernt, dass ich diese Gegenstände sechzehn Jahre später zur Matura nicht einmal zu wiederholen brauchte." Der Besuch eines Gymnasiums lag für Richter, die seit ihrem zwanzigsten Lebensjahr aufgrund einer chronischen Erkrankung immer wieder ans Bett gefesselt war "außer dem Bereich der Möglichkeit, wie eine Reise in den Mond."

Das Studium der Romanistik schloss Elise Richter 1901 trotz aller Widrigkeiten mit einer vielbeachteten Dissertation ab, die 1903 in einem deutschen Verlag in den Druck gelangte. Die Promotion legte sie mit dem Prädikat summa cum laude ab, erstmals vergeben an eine Studentin. In dem über Jahrzehnte hinweg akribisch geführten Tagebuch heißt es im Eintrag vom 23. Mai erleichtert: "Alles glatt gegangen vor ¾ 10 hin. recht lustig. herumdiscurirt. Absolut nicht aufgeregt." Mit Ablegung der Prüfung war die wissenschaftliche Karriere eingeschlagen: Nach einem dreijährigen Habilitationsverfahren erhielt Richter 1907 die venia legendi – sie wurde mit zweiundvierzig Jahren die erste Privatdozentin, 1921 wiederum die erste außerordentliche Professorin in Österreich und Deutschland, allerdings nur dem Titel nach, denn eine Stelle war nicht vorgesehen. Erst ab Mai 1923 wurde Richter für ihre Lehrverpflichtungen auch bezahlt. "Oft war ich so mürbe, daß ich ans Auswandern dachte," fasste Richter im Rückblick die ersten Jahre an der Universität zusammen. Der Wissenschaft blieb Richter zeitlebens mit großer Leidenschaft verbunden: "Die Universitätsvorlesungen und besonders die Seminarübungen waren für mich eine Quelle unbeschreiblichen Genusses. Das Nietzschewort von der Gaya scienzia erfüllte mich mit individueller Bedeutung. Es wurde mein Lebensmotto."

Postkarten von nebenan

Rückhalt fand Elise Richter zeitlebens bei der 1861 geborenen Schwester Helene, ihres Zeichens Anglistin. Auch sie machte sich mit zahlreichen Publikationen einen Namen, war an der Universität allerdings immer nur als Gasthörerin zugegen. Die Schwestern, die beide unverheiratet blieben, lebten von klein auf bis zu ihrem Tod zusammen – eine Tatsache, die sie nicht davon abhielt, sich selbst aus kürzester Entfernung Postkarten zukommen zu lassen: "Beste Grüße aus Gersthof" schickte Elise vermutlich am 20. Jänner 1905 mit einer Fotopostkarte ins Wiener Cottage. Dort lebten die beiden bis zu ihrer Zwangseinquartierung in die Seegasse Nr. 16 in Wien-Alsergrund – einem Kranken- und Altersheim für Juden und Christen jüdischer Abstammung, das bis zum Sommer 1941 die Schwedische Israelmission beherbergt hatte. Von dort aus wurden sie ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo beide ums Leben kamen: Helene Richter am 8. November 1942, Elise Richter am 21. Juni 1943.

115 Jahre nach der Erstzulassung von ordentlichen Hörerinnen an der Universität Wien stellten die Frauen den Löwenanteil der Studierenden: Der Anteil der Studentinnen lag im Wintersemester 2013/14 bei 63%, bei den Neuzulassungen kamen diese gar auf einen Anteil von 65%.

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Archiv der Objekte des Monats 2015

Elise Richter an Helene Richter, undatierte Fotopostkarte aus dem Jahr 1905. WBR, HS, H.I.N. 231964