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Am 14. Mai schließt der Lesesaal aufgrund einer Veranstaltung um 17 Uhr. (Musik-)Handschriften und Nachlässe können deswegen nur bis 17 Uhr benützt werden. Für die restlichen Bestände werden Ersatzleseplätze zur Verfügung gestellt.

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Objekt des Monats Februar 2015: "...dem Schweben des Vogels ähnlich, der keinen Fittich rührt...". Eislaufen vor zwei Jahrhunderten

Der Kupferstich illustriert die Grundlagen der Körperhaltung beim Eislaufen und des Anlegens des Schlittschuheisens sowie die Bewegungsabläufe beim geraden Lauf, Bogenlauf und Lauf in einer Schlangenlinie.

"Alles, was Bewegung heißt, wird von der Motion des Eislaufes übertroffen". In seinem 1810 anonym erschienen Eislaufbuch "Die Kunst des Schlittschuhlaufens" zog Franz Gräffer (1785-1852), seines Zeichens freischaffender Schriftsteller, Bibliothekar und Sohn des Buchhändlers August Gräffer, alle poetischen Register, um sein liebstes Hobby einer breiten Öffentlichkeit näher zu bringen:

"Bald ist sie [d.h. die Bewegung] dem Schweben des Vogels ähnlich, der keinen Fittich rührt, und die Richtung des Flugs bloß durch seinen Willen zu bestimmen scheint, ohne ein Glied zu gebrauchen; bald dem sanftesten Gewiege, bey dem der Körper, dem Scheine nach bloß von der Luft getragen, links und rechts abwechselnd hinüber schwankt..."

Zur Verteidigung des Schlittschuhlaufens, das in der Öffentlichkeit aufgrund der Verletzungs- und Ertrinkungsgefahr auf Natureis in schlechtem Ruf stand, zitiert Gräffer die Autoritäten seiner Zeit: den Mediziner Johann Peter Frank, den Pädagogen Johann Heinrich Campe und stellt ihnen die Verse Friedrich Gottlieb Klopstocks, eines weiteren Apologeten des "Wassercothurns", zur Seite. Er erklärt die Technik des "geraden Laufs", des "Bogenlaufs" und der Schlangenlinien, gibt praktische Hinweise, wie die Eisen am besten anzulegen seien. Dass der gerade einmal 25jährige Gräffer mit seiner Schrift besonders auf seine weibliche Leserschaft zielte, die sich im Gegensatz zu heute noch recht spärlich auf den Wiener Eisflächen tummelte, können wir aus seinem "Lob" der Niederländerinnen schließen: "In der heutigen Welt sind die nördlichen Küstenbewohnerinnen als Schlittschuhläuferinnen am häufigsten, und man kann sich in der That kaum mehr Grazie vorstellen, als in den sanften Bewegungen eines schlittschuhlaufenden Mädchens, welches wie eine Göttinn über die crystallene Fläche zu schweben scheint. Warum schließt sich das weibliche Geschlecht bey uns von einer so anständigen und reizenden Unterhaltung so entsagend aus?"

Interessant ist, dass der recht poetisch angelegten Schrift ein sehr profaner Hintergrund - und letztlich ein kläglich gescheitertes Projekt! - zugrunde liegt. Franz Gräffer, der bereits ein Studium an der Kunstakademie abgebrochen hatte und im Feldzug gegen Napoleon des Jahres 1809 verwundet worden war, versuchte nämlich im Herbst 1810 eine Lizenz zum Betrieb einer Eislaufbahn am Wiener Neustädter Kanal zu erwirken. Wie er später in seinen "Kleinen Wiener-Memoiren" berichtete, hatte er dabei an ein Restaurationszelt gedacht, mit Schlitten- und Schlittschuhverleih und einer Musikkapelle, die für die Eisläuferinnen und Eisläufer eigens komponierte Nummern zum besten geben sollte. Werbeplakate, Flugzettel und eine Anleitung, die man an der Kassa erwerben können sollte – also offenbar die vorliegende Schrift! - waren bereits gedruckt; doch Gräffer hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die zuständige Behörde versagte ihm in Hinblick auf den fragwürdigen Nutzen, die Verletzungsgefahren und die allgemein zu erwartenden Scherereien die Bewilligung; seinen Einwand: "Das Brechen des Eises und das Ertrinken gehören nicht zur Übung selbst, es ist die Folge von der mangelhaften Anstalt" hatte Gräffer in seinem Eislaufbuch offenbar zu vorsichtig vorgebracht.

Verweichlichte Bierhaussitzer

Jahre später konnte Gräffer dennoch ohne Zorn an diese Anekdote aus seinen jungen Jahren zurückblicken, ja dem Scheitern sogar positive Seiten abgewinnen: denn einerseits hatten sich seiner Meinung nach die Wiener seither zu verweichlichten Bierhaussitzern entwickelt, die keinen Sport mehr trieben, und andererseits waren auch die Winter weniger streng geworden, sodass er als Betreiber einer Natureisbahn wohl kaum ein gutes Auskommen gefunden hätte. "Couch potato und Klimaerwärmung", würde man heute wohl klagen; Gräffer ließ sich das Eislaufen jedenfalls durch seinen Misserfolg nicht vermiesen und gab 17 Jahre nach Erscheinen der "Kunst des Schlittschuhlaufens" eine erweiterte Ausgabe unter dem Titel "Das Schlittschuhfahren" heraus, die sich offensichtlich besser verkaufte und daher auch heute in Bibliotheken ungleich häufiger ist als das schmale Bändchen von 1810.

Literaturangabe

[Gräffer, Franz:] Die Kunst des Schlittschuhlaufens, oder wie kann der Unkundige das Eisfahren am geschwindesten und sichersten erlernen, und der Geübte dieses Vergnügen in seiner ganzen Fülle genießen? Aus den besten Gymnastikern aufmunternd und anleitend für beyde Geschlechter dargestellt. Wien, 1810.
Wienbibliothek im Rathaus, Druckschriftensammlung, Signatur A-8330, nachzulesen in der Digitalen Wienbibliothek.

Archiv der Objekte des Monats 2015