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Objekt des Monats September 2014: Kasperl träumt von Liebe und Apfelstrudel

Marius Szudolski: Das Abenteuer des Prinzen Villamongo. Ein Puppenspiel in drei Szenen. Stretensk 1916. WBR, HS, H.I.N. 137083

"Ein tiefes Verließ im Schlosse des Königs, die vier nackten Wände nur zwei Holzpritschen, ein Krug Wasser. Im Hintergrunde in Übermannshöhe ein kleines vergittertes Fenster, welches auf den Garten des Schlosses hinausgeht. Der Prinz und sein Diener Kasperl sitzen auf den Pritschen".

Mit diesem trostlosen Szenario eröffnet der Kriegsgefangene Marius Szudolski (1879–1961) ein Puppenspiel, das er im Winter 1916 im sibirischen Lager Sretensk geschrieben hat. Der ausgebildete Jurist, der von 1902–1906 auch am Wiener Konservatorium studiert hatte, war 1915 als Einjährig-Freiwilliger des 25. Landwehr-Infanterieregiments ins Feld gezogen und 1916 in Gefangenschaft geraten. Dort war das größte Leid der Hunger, was die Essensphantasien der Insassen beflügelte.

In Sretensk, wo Szudolski bis 1921 interniert war, endete bis 1897 die Strecke der Transsibirischen Eisenbahn. Die Stadt befindet sich in einer unwirtlichen Gebirgsgegend und ist knapp 400 Kilometer von Tschita entfernt. Nach Sretensk wurde auch der Wiener Landsturmmann Eduart Stoß im Winter 1915 deportiert. Aus seiner Autobiographie erfährt man, wie die Gefangenen dort lebten: "In den elendsten Hütten, in Waschküchen, aber auch in ganz nette Privathäuser wurden wir hineingepfercht. In einem ganz kleinen Einfamilienhaus mit drei kleinen Zimmern, Küche und Vorzimmer mußten 120 bis 150 Mann untergebracht werden." Lebensgefährlich waren die mangelnde Hygiene sowie wild grassierende Infektionskrankheiten – neben Typhus forderte auch die gefürchtete "Hungerpeitsche" ihren Tribut. Die Soldaten griffen zu allem, was ihnen an Essbarem unterkam: "Die durch diese Ernährung dem langsamen, aber sicheren Hungertode preisgegebenen Gefangenen waren, sofern sie nicht Geld aus der Heimat erhielten, zur Selbsthilfe gezwungen." Dazu zählte, sich »durch Abschlachten von Hunden und Genuß derselben« zu ernähren.
In Szudolskis Puppenspiel werden keine Hunde verspeist – aber man träumt bei Wasser und Brot von allerlei Köstlichkeiten. Die Krönung all der Delikatessen aus Friedenszeiten, die den Inhaftierten nach und nach im Traum erscheinen, ist ein Apfelstrudel mit allerlei verführerischen Ingredienzen: "Äpfel! Rosinen! Zerstoßene Nüsse! Semmelbrösel! Zucker Zimmt! Citronenschale! Rum!"

Es wäre kein Märchen, wenn der süße Traum unerfüllt bliebe, wenn also der Spruch, dass die Liebe durch den Magen geht, sich nicht bewahrheitete. Am Ende des Stücks, als alle Abenteuer überstanden sind, küsst Kasperl seine Liebste und kann danach endlich ausgiebig speisen.

Archiv der Objekte des Monats 2014